{"id":8087,"date":"2025-09-02T14:05:35","date_gmt":"2025-09-02T14:05:35","guid":{"rendered":"https:\/\/media-law.at\/?p=8087"},"modified":"2025-09-26T14:09:02","modified_gmt":"2025-09-26T14:09:02","slug":"anstiftung-zum-amtsmissbrauch-olg-wien-zur-unzulaessigkeit-unwahrer-tatsachenbehauptungen-im-politischen-diskurs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/media-law.at\/?p=8087","title":{"rendered":"Anstiftung zum Amtsmissbrauch? OLG Wien zur Unzul\u00e4ssigkeit unwahrer Tatsachenbehauptungen im politischen Diskurs."},"content":{"rendered":"\n[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; theme_builder_area=&#8220;post_content&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220;][et_pb_row _builder_version=&#8220;4.27.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; theme_builder_area=&#8220;post_content&#8220;][et_pb_column _builder_version=&#8220;4.27.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; type=&#8220;4_4&#8243; theme_builder_area=&#8220;post_content&#8220;][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.27.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; theme_builder_area=&#8220;post_content&#8220; hover_enabled=&#8220;0&#8243; sticky_enabled=&#8220;0&#8243;]<p>OLG Wien-Entscheidung vom 27.1.2025, 4 R 121\/24d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sachverhalt:<\/strong><\/p>\n<p>Im politischen Schlagabtausch zwischen zwei im Nationalrat vertretenen Parteien kam es zu einer Presseaussendung eines Parlamentsklubs in der u.a. zu lesen stand, dass die klagende Partei bei ihrem \u201etiefen Staat in der Justiz ein Verfahren \u201abestellt\u2018\u201c habe.<\/p>\n<p>Die Kl\u00e4gerin (eine politische Partei) sah darin die unwahre Tatsachenbehauptung, sie habe ein Ermittlungsverfahren durch Einflussnahme auf die Oberstaatsanwaltschaft Wien veranlasst, obwohl die WKStA zuvor mangels Anfangsverdachts von einer Verfahrenseinleitung abgesehen habe. Sie beantragte eine einstweilige Verf\u00fcgung zur Unterlassung der Behauptung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Entscheidung:<\/strong><\/p>\n<p>Das Erstgericht gab dem Antrag statt. Es wertete die Aussage so, dass der unbefangene Durchschnittsleser den Eindruck gewinnen m\u00fcsse, die Kl\u00e4gerin habe rechtswidrig Einfluss auf die Justiz genommen, was den Vorwurf der Anstiftung zum Amtsmissbrauch beinhalte. Gegen diese Entscheidung erhob der beklagte Parlamentsklub Rekurs.<\/p>\n<p>Das OLG Wien best\u00e4tigte die vom Handelsgericht erlassene einstweilige Verf\u00fcgung: Die Formulierung, die <strong>Partei habe ein Verfahren \u201ebestellt\u201c<\/strong>, sei f\u00fcr den <strong>Durchschnittsadressaten als \u00fcberpr\u00fcfbare Tatsachenbehauptung <\/strong>zu verstehen, n\u00e4mlich als Vorwurf, die Kl\u00e4gerin habe auf die Oberstaatsanwaltschaft Wien <strong>unrechtm\u00e4\u00dfig Einfluss<\/strong> genommen und damit eine Anstiftung zum Amtsmissbrauch bewirkt. Ma\u00dfgeblich sei nicht die subjektive Absicht des Erkl\u00e4renden, sondern wie ein unbefangener Durchschnittsleser die beanstandete Aussage versteht.<\/p>\n<p>Die Anf\u00fchrungszeichen \u00e4nderten nichts am Tatsachencharakter; <strong>\u201ebestellen\u201c bedeute im allgemeinen Sprachgebrauch \u201ein Auftrag geben\u201c<\/strong>. Die vom Beklagten hervorgehobenen Anf\u00fchrungszeichen \u00e4nderten daran nichts; vielmehr verst\u00e4rkten sie den Eindruck, dass hier eine Tatsachenbehauptung und nicht blo\u00df eine ironische Zuspitzung vorliege. Es handle sich damit um eine \u00fcberpr\u00fcfbare und zugleich unwahre Tatsachenbehauptung, deren Richtigkeit der Beklagte nicht behauptet habe.<\/p>\n<p>Zwar sei es in einer Demokratie <strong>zul\u00e4ssig, politische Gegner auch scharf zu kritisieren und polemisch anzugreifen<\/strong>. Die <strong>Grenze<\/strong> sei jedoch dort erreicht, wo durch <strong>unwahre Behauptungen der Eindruck strafbaren Verhaltens<\/strong> vermittelt wird. Genau dies sei hier der Fall: Die Aussage unterstelle der Kl\u00e4gerin, auf die Justiz eingewirkt und dadurch eine Anstiftung zum Amtsmissbrauch begangen zu haben. Damit werde sowohl der Tatbestand der <strong>Ehrenbeleidigung<\/strong> nach \u00a7 1330 Abs 1 ABGB als auch derjenige der <strong>Kreditsch\u00e4digung<\/strong> nach \u00a7 1330 Abs 2 ABGB erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Auf unwahre Tatsachen gest\u00fctzte Wertungen genie\u00dfen <strong>keinen Schutz durch\u00a0Art 10 EMRK<\/strong>. Im <strong>politischen Meinungskampf<\/strong> gen\u00fcgt zwar ein <strong>geringes Tatsachensubstrat<\/strong> f\u00fcr scharfe Kritik, doch endet die Meinungsfreiheit dort, wo bewusst oder zumindest leichtfertig <strong>unrichtige Tatsachen<\/strong> \u00fcber den Gegner verbreitet werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.ris.bka.gv.at\/Dokumente\/Justiz\/JJT_20250127_OLG0009_00400R00121_24D0000_000\/JJT_20250127_OLG0009_00400R00121_24D0000_000.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Link zur Entscheidung<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Weitere Blog-Beitr\u00e4ge zum Thema Politiker und Medien:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/media-law.at\/?p=8000\">Fu\u00dffessel statt Haft? An Politiker-Chats \u00fcber m\u00f6gliche Intervention besteht \u00f6ffentliches Informationsinteresse. Medienberichte zul\u00e4ssig.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/media-law.at\/?p=7979\">BGH: Keine Geldentsch\u00e4digung f\u00fcr Politiker nach Namensnennung in Demo-Aufruf.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/media-law.at\/?p=7519\">\u201ePunschkrapferl\u201c: OGH zur medienrechtlichen Verantwortlichkeit bei Facebook-Kommentaren und den Grenzen zul\u00e4ssiger Kritik im politischen Diskurs.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/media-law.at\/?p=6966\">\u201eR\u00e4uber Hotzenplotz\u201c als Vorlage f\u00fcr \u201epolitische Parodie\u201c unzul\u00e4ssig, da lediglich Bekanntheit der Figur ausgen\u00fctzt wird.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/media-law.at\/?p=6629\">Potenzmittel auf Rechnung der Partei? Politiker postet Informationen aus Privatleben auf Facebook: H\u00f6chstpers\u00f6nlicher Lebensbereich verlassen.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/media-law.at\/?p=5242\">Aufruf zu Gegendemonstration: Verwendung eines Politikerfotos als \u201eBildzitat\u201c gerechtfertigt.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/media-law.at\/?p=3594\">\u201eIdentit\u00e4tsdiebstahl\u201c von Politiker auf Twitter: OGH verneint Satire sondern sieht Verletzung von Pers\u00f6nlichkeitsrechten<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/media-law.at\/?p=7636\">Bildnisschutz und Solidarhaftung bei Medienberichterstattung.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/media-law.at\/?p=7625\">OLG Wien zur strafrechtlichen Relevanz von Dialektausdr\u00fccken auf Facebook. \u201eSchneebru**er\u201c und \u201eWa**ler\u201c trotz Entsch\u00e4rfung durch Sternchen unzul\u00e4ssig.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/media-law.at\/?p=7519\">\u201ePunschkrapferl\u201c: OGH zur medienrechtlichen Verantwortlichkeit bei Facebook-Kommentaren und den Grenzen zul\u00e4ssiger Kritik im politischen Diskurs.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/media-law.at\/?p=7360\">Satire vs. Namensrecht: Wirtshausbrief der \u201eTagespresse\u201c verletzte Pers\u00f6nlichkeitsrechte der FP\u00d6.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/media-law.at\/?p=6966\">\u201eR\u00e4uber Hotzenplotz\u201c als Vorlage f\u00fcr \u201epolitische Parodie\u201c unzul\u00e4ssig, da lediglich Bekanntheit der Figur ausgen\u00fctzt wird.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/media-law.at\/?p=5845\">Mehrdeutige \u00c4u\u00dferungen in hitziger Videodebatte: Auch Unklarheitenregel ist am Grundrecht auf Freiheit der Meinungs\u00e4u\u00dferung zu messen.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/media-law.at\/?p=5772\">Parlamentsklub haftet f\u00fcr Urheberrechtsverletzung des Fraktionsf\u00fchrers. Recht auf freie Werknutzung umfasst keine Pressekonferenz einer politischen Partei.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/media-law.at\/?p=3827\">Buch thematisiert aus konkretem Anlass lang zur\u00fcckliegende Neonazi-Aktivit\u00e4ten: Interesse der \u00d6ffentlichkeit und Pressefreiheit \u00fcberwiegen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/media-law.at\/?p=3326\">\u201eWo L\u00fcgen zu Nachrichten werden\u2026\u201c Facebook ist zur L\u00f6schung rechtswidriger Postings verpflichtet. Der OGH erkl\u00e4rt wann und wo.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/media-law.at\/?p=2892\">Verwendung von fremden Fotos im politischen Diskurs kann durch Meinungsfreiheit gedeckt sein<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/media-law.at\/?p=2579\">Bezeichnung als \u201eJudas\u201c in Zeitungsartikel ist von Meinungs\u00e4u\u00dferungsfreiheit gedeckt<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/media-law.at\/?p=5736\">Gl\u00fcckspielkonzern hat \u201eDeal\u201c mit Regierungspartei? \u201ePublic Figures\u201c m\u00fcssen h\u00f6heren Grad an Toleranz gegen\u00fcber kritischer Berichterstattung zeigen.<\/a><\/p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>OLG Wien-Entscheidung vom 27.1.2025, 4 R 121\/24d &nbsp; Sachverhalt: Im politischen Schlagabtausch zwischen zwei im Nationalrat vertretenen Parteien kam es zu einer Presseaussendung eines Parlamentsklubs in der u.a. zu lesen stand, dass die klagende Partei bei ihrem \u201etiefen Staat in der Justiz ein Verfahren \u201abestellt\u2018\u201c habe. 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